Wie der lahme Knabe ein Held wurde

Auf dem Gut Lustivere lebte einmal ein Mann mit seiner Frau. Die hatten einen Sohn, der schon von Kindheit an lahm war. Einst, zur Zeit der Ernte, gingen Vater und Mutter des lahmen Jungen aufs Feld, um zu mähen, der lahme Junge aber blieb zu Hause.
Bald nachdem Vater und Mutter weggegangen waren, kam zu dem Jungen ein kleiner grauer Alter, der mit ihm zu schelten begann:
„Junge, was faulenzt du zu Hause herum, kannst du nicht auch aufs Feld gehen? Schämst du dich nicht, bei so schönem Wetter zu Hause zu faulenzen?“
„Ich bin doch lahm und kann nicht arbeiten“, entgegnete der Junge dem grauen Mann.
„Ach was redest du da; geh und bringe aus dem Bach einen Krug voll Wasser zum Trinken“, brummte der Alte daraufhin.
Der Junge sagte: „Ich kann doch nicht gehen!“ Doch auf diese Rede hin wurde der graue Alte ganz böse und begann noch mehr mit ihm zu schimpfen.
Da nahm der Junge schließlich den Krug, stand auf, und in seine Beine kam soviel Kraft, daß er gehen konnte. Er ging auch zum Bach und brachte von dort dem grauen Alten einen Krug voll Wasser.
Als der Junge den Krug dem grauen Alten anbot, sagte der: „In wessen Hand, in dessen Mund!“
So trank denn der Junge aus dem Krug. Der Junge wollte nur einige Schluck Wasser nehmen, trank jedoch das ganze Wasser aus.
Dann ging er und holte aus dem Bach von neuem einen Krug voll Wasser. Er bot es dem grauen Alten an, doch der sagte wieder: „In wessen Hand, in dessen Mund!“
Wieder trank der Junge den Krug leer, und der graue Alte befahl ihm, noch zum dritten Mal einen Krug voll Wasser zu bringen. Daraufhin lief der Junge zum Bach; dabei schlug er aus Versehen mit der großen Zehe gegen einen Riesenstein am Bachufer. Vom Stein splitterte ein Stück ab, der Stein selbst aber rollte über den Bach und weiter ins Land. (So liegt dieser Stein auch heute noch am Bach in der Nähe des Gutes Lustivere, er ist so groß, daß er gut einen Schleuderstein für Kalevipoeg abgeben würde.) Die große Zehe des Jungen hatte jedoch dabei überhaupt nicht gelitten, denn sie war wie aus Eisen.
Den dritten Krug Wasser, den der Junge brach-te, trank der graue Alte selbst leer und befahl dem Jungen nicht mehr, ihn auszutrinken. Dann ging er zur Tür hinaus und sagte dem Jungen dabei, er solle aufs Feld gehen und arbeiten.
Der Junge ging aufs Feld zu Vater und Mutter; doch diese wollten es nicht glauben, daß der gesunde junge Mann ihr Sohn war. Als der Junge ihnen die Geschichte seiner Genesung erzählt und berichtet hatte, daß er jetzt sehr stark geworden sei und es ihm nicht schwerfalle, die größten Steine und Gegenstände zu heben, mußten es Vater und Mutter glauben, daß dies ihr Sohn war.
Der Junge vollbrachte durch seine Kraft viele Heldentaten. An der Decke des Ilda-Wirtshauses auf dem Gut Lustivere erschlug er das Gespenst und erwürgte auch einen großen Mann, der viel Wasser trank. Dieser große Mann hatte das ge-samte Wasser am unteren Damm der „Schwarzen Mühle“ in der Nähe des Gutes Lustivere ausge-trunken und wollte auch schon am oberen Damm das Wasser austrinken, als der starke Junge kam und ihn erwürgte.
Einst kam der graue Alte, der ihn gesund ge-macht hatte, und forderte ihn zum Ringkampf heraus. Der Ringkampf sollte auf dem Feld in der Nähe des Gutes Lustivere stattfinden, und die Männer trafen sich dort Brust an Brust. Der graue Alte merkte freilich, daß der Junge ihn stark be-drängte, und lief ihm davon. Der Junge aber lief dem Alten nach und erreichte ihn auf dem Feld des Dorfes Kuuse in Kaliküla. Der graue Alte scharrte zwar mit den Füßen den Boden auf und versuchte, den Jungen niederzuwerfen, doch schließlich warf der Junge den grauen Alten hoch in die Luft, so daß der beim Herunterfallen tot lie-genblieb.
Man kann auch heute noch die Spuren dieses Ringkampfes in Kaliküla auf dem Feld zwischen den Dörfern Kuuse und Naela erkennen, denn die Stelle, wo der graue Alte die Erde aufgescharrt hatte, ist auch jetzt noch auf dem Wall an den kleinen Hügelstreifen zu sehen.
Nach dieser Begebenheit soll der Junge noch viele ähnliche Heldentaten vollbracht haben, bis er schließlich gestorben ist.

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