Wahrheit und Lüge

Wahrheit und Lüge gingen auf Wanderschaft, beide hatten Brotbeutel mit.
„Warum sollen wir beide unsere Brotbeutel öffnen? Essen wir doch gemeinsam aus deinem Beutel und dann, wenn er leer ist, aus meinem“, sagte Lüge und schaute den anderen Gesellen schlau an.
Wahrheit, der nichts Schlechtes dachte, war damit einverstanden. Nach einigen Tagen war der Beutel von Wahrheit leer, und die Reihe kam an den Beutel des anderen. Ja, das sollte wohl so sein, doch Lüge gab dem anderen keinen Mund-voll ab, und deshalb mußte der mit leerem Magen weiterziehen. Schließlich überfiel ihn doch die Schwäche, denn gegen die Natur kann auf die Dauer niemand ankämpfen, will er nicht ein Opfer des Todes werden. Nach diesem Gesetz der Natur verlangte auch der Magen unseres Gesellen Wahrheit energisch nach Speise – oder er mußte sterben.
In Todesangst bat er wieder einmal seinen Freund um Brot. Der aber sagte unerbittlich: „Ich gebe dir Brot, doch nur dann, wenn du dir deine beiden Augen ausstechen läßt.“
Ein altes Sprichwort sagt: Die Not jagt den Ochsen in den Brunnen.
In seiner großen Not rief nun der Geselle Wahrheit: „Stich schon aus, aber gib mir Brot!“
Diese schreckliche Tat wurde auch vollbracht, doch Wahrheit mußte sich mit ebenso leerem Magen weiterquälen wie vorher, denn Lüge gab ihm nichts. Auf die Bitten des anderen, ihn zu Menschen zu geleiten, nahm ihn Lüge bei der Hand und ging weiter, bis sie zu einer Kirche mit einem Friedhof kamen.
Dort geleitete er den anderen durch das Tor in den Friedhof hinein mit den Worten: „Jetzt bringe ich dich in eine große Stadt; hier wirst du vielleicht finden, wonach dein Magen verlangt.“
In großer Herzensnot tastete sich Wahrheit an den Grabkreuzen entlang, doch die erhoffte Stadt fand er nirgends. Er rief einige Male, doch es kam keine Antwort. Schließlich fand er die Totenkammer des Friedhofs. Da die Tür geschlossen war, kroch er unter eine Wand. Seine letzte Hoffnung war dahin, und er erwartete den Tod, wobei er in eine Ohnmacht oder einen Dämmerschlaf verfiel.
Beim Aufwachen hörte er zwei Raben miteinander streiten. (Unser Freund Wahrheit verstand die Vogelsprache, wie sie in alten Zeiten so mancher verstand.)
„Ich weiß, was ich weiß, doch ich rede nicht davon!“
Der andere entgegnete: „Ich weiß auch etwas, sei auf dein Wissen nicht gar zu stolz, erzählen wir einander, was wir wissen, dann werden wir beide klüger sein.“
„Es sei“, entgegnete der erste Rabe, wetzte seinen Schnabel und begann zu erzählen.
„Wie dumm sind doch die Menschen, obwohl sie sich selbst für klug halten. Wie viele Blinde gibt es unter ihnen, doch keiner weiß, daß rechter Hand auf der Treppe unserer Kirche unter dem Eckstein der dritten Stufe wunderbare Erde liegt. Wer sich mit dieser Erde die blinden Augen reibt, wird gesund, wenn er sie danach in der Quelle unter der Kirche wäscht. Aber wie ich schon sagte, das weiß keiner von ihnen.“
„Sehr gut!“ entgegnete der andere, „jetzt will auch ich dir mein Geheimnis verraten. Gegenwärtig ist die einzige Tochter unseres Königs ster-benskrank, doch die klugen Ärzte werden sie tatsächlich sterben lassen, denn sie kennen keine richtige Medizin. Dazu wäre aber keine große Kunst notwendig. Hinter der Stadt liegt ein großer Stein, unter dem Stein ist eine Quelle. Wenn sie von diesem Quellwasser zu trinken bekäme, würde sie sofort gesund werden.“
Sobald die Raben weggeflogen waren, kam Wahrheit mit großer Anstrengung vom Boden hoch. Er schleppte sich auf den Händen am Rande des Friedhofs weiter, bis er zur Kirche kam, dort auf der erwähnten Treppe unter dem Eckstein die Erde fand, sich damit die Augen rieb und den Stein wieder auf seinen Platz zurücklegte. In großer Sorge torkelte er um die Kirche herum und über den Platz. Zum Glück kam ein Kirchendiener, um die Kirche für den Sonntag zu reinigen, und geleitete ihn zum Fluß, wo er seine Augen auswaschen konnte.
Frohen und dankbaren Herzens sah er jetzt wieder die schöne Gotteswelt, denn seine Augen waren wieder ebenso sehend wie zuvor.
Nachdem er seinen Hunger bei guten Menschen gestillt hatte, ging er in die Stadt des Königs. Dort waren alle Leute traurig und sprachen von der kranken Tochter des Königs, die nach Meinung der Ärzte wahrscheinlich bald würde sterben müs-sen.
Wahrheit aber ging zum Haus des Königs und ließ dem König ausrichten, daß er die Königstochter gesund machen wolle. Im Herzen des Königs flammte wieder Hoffnung auf, und er versprach Wahrheit die Hälfte seines Vermögens, falls er das schafft.
Wahrheit nahm zwölf starke Männer, ging aus der Stadt hinaus zu dem erwähnten großen Stein. Dort wurde der Stein beiseite geschoben, und unter ihm sprudelte eine Quelle. Wahrheit nahm klares Wasser aus der Quelle und gab es der Königstochter zu trinken.
Bald darauf erholte sich die Königstochter und verlangte nach kurzer Zeit zu essen. Einige Tage darauf war sie wieder ganz gesund.
Der König hielt sein Versprechen und gab Wahrheit die Hälfte seines Vermögens, das ihm in Geld ausgezahlt wurde.
Mit großem Vergnügen ging Wahrheit aus der Stadt des Königs hinaus, mehrere Pferde zogen Geldfuhren. Unterwegs kam ihm Lüge entgegen und staunte nicht wenig über das Glück von Wahrheit! Er fragte, wieso Wahrheit so reich ge-worden sei. Wahrheit erzählte ihm kurz, wie die Raben ihn auf den Weg des Glückes geleiteten, als er halbtot bei der Totenkammer eingedämmert war.
Lüge bat Wahrheit, auch ihm die Augen auszustechen und ihn zum Friedhof zu geleiten. Wahrheit weigerte sich, es zu tun, doch schließlich erfüllte er den Wunsch des anderen und führte ihn durch das Tor auf den Friedhof.
Mit schmerzenden Augen wartete Lüge auf das Kommen der Raben, die auch bald erschienen. Zuerst stritten sich die Raben wieder auf die bekannte Weise; doch bevor sie einander ihr Wissen anvertrauten, sagte der eine Rabe:
„Vielleicht hört sich wieder ein Mensch unsere Geheimnisse an und versucht dann sein Glück, wie es das letzte Mal geschah.“
Sie flogen, um nachzusehen, um die Leichenkammer herum und fanden Lüge an der Wand. Hilf Himmel! Wie sie mit ihren Schnäbeln an die Arbeit gingen, sie hackten so lange auf ihn ein, bis er tot hinfiel. Dort fand ihn später der Kirchendiener und beerdigte ihn.

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