Die Heirat des Kaufmanns

Ein reicher Kaufmann wollte heiraten, fand aber in seiner Umgebung keine, die so gewesen wäre, wie er sie sich wünschte. Es blieb ihm schließlich nichts übrig, als schöne Kleider anzuziehen und durch die Welt zu wandern, auf der Suche nach einer solchen Frau. Er suchte und suchte, fand aber keine und war deswegen sehr bekümmert.
Nun, wenn die Sonne der Hoffnung schon im Schwinden ist, kommt das Glück und hilft den Menschen weiter.
Der Kaufmann geht durch eine Dorfstraße und sieht, wie eine Frau Kohl jätet. Als er in ihre Nähe gelangt, hebt das Mädchen die Hand vor die Augen und betrachtet aufmerksam den Kaufmann.
Der Kaufmann sieht, daß es ein schönes Mädchen ist, und begrüßt sie: „Guten Tag, Mädchen!“
Das Mädchen erwidert den Gruß und jätet weiter. Der Kaufmann geht jetzt ins Haus und sagt dem Vater, daß er seine Tochter zur Frau nehmen möchte. Der Vater ist auch gleich einverstanden, jedoch unter einer Bedingung: Der Kaufmann müsse ihm versprechen, wenn seine Tochter sterben sollte, drei Nächte an ihrem Grabe zu wa-chen.
Der Kaufmann verspricht es; das Mädchen zieht schöne Kleider an und geht mit dem Kaufmann.
Sie kommen nach Hause und richten die Hochzeit aus. Es wird eine sehr schöne Hochzeit.
Aber, o Unglück, einige Wochen nach der Hochzeit starb die Frau. Der Kaufmann weinte sehr und bestattete sie. Jetzt erinnerte er sich auch daran, daß er dem Vater der Frau versprochen hatte, drei Nächte am Grabe seiner Frau zu wa-chen. Mit gebrochenem Herzen und mit tränenfeuchten Augen ging er hin, sein Versprechen zu erfüllen. Ein gutes Schwert nahm er dabei mit.
Er wachte die erste Nacht, es geschah nichts, wachte die zweite Nacht, es geschah wieder nichts. Er wachte die dritte Nacht, da hörte er ein Rascheln. Er schaute hin und sah: Eine schwarze Schlange kam, drehte sich zum Knäuel und kroch auf den Grabstein.
Der Kaufmann zog sein Schwert und zerhackte die Schlange in drei Stücke. Bald darauf kam eine zweite Schlange, etwas größer als die erste, und kroch auch auf den Grabstein hinauf. Sie sah die erste Schlange tot liegen, kroch näher und ließ aus ihrem Maul drei Goldblätter herausfallen, das eine auf den Kopf, das andere auf den Körper und das dritte auf den Schwanz. Die tote Schlange wand sich, wuchs zusammen und wurde lebendig. Dann krochen die beiden Schlangen davon. Die goldenen Blätter blieben auf dem Stein.
Der Kaufmann dachte: Wenn diese goldenen Blätter die Schlange zum Leben erweckt haben, vielleicht können sie auch meine Frau zum Leben erwecken.
Er holte einen Spaten, grub die Tote aus und legte sie auf das weiche Gras. Dann nahm er die goldenen Blätter, legte das erste auf den Kopf, das zweite auf den Körper und das dritte auf die Beine. Er machte es genauso, wie er es bei den Schlangen gesehen hatte, und siehe – die Tote erwachte zum Leben.
Nun gingen sie zusammen nach Hause, der Kaufmann behielt aber die goldenen Blätter, denn wer weiß, vielleicht würde er sie später noch brauchen können. So lebte nun der Kaufmann wieder ein glückliches Leben; alle Sorgen und Mü-hen waren vorbei.
Einst beschloß der Kaufmann, ins Ausland zu reisen; er baute sieben feste Schiffe, nahm viel Ware mit und machte sich auf den Weg. Vorher sagte er noch zu seiner Frau: „Schau, hier sind die drei goldenen Blätter, die dich zum Leben er-weckt haben.“
Er gab seiner Frau die Blätter.
„Bewahre sie sorgfältig; sollte ich sterben oder verschwinden, suche mich auf und erwecke mich mit diesen Blättern zum Leben.“
Einige Zeit nach der Abreise des Kaufmanns zog ein älterer General in ein Zimmer zu der Frau des Kaufmanns.
Eines Tages sagte er zur Frau: „Ich lebe schon einige Zeit bei Euch im Hause, aber Euren Mann habe ich nicht gesehen, seid Ihr Witwe, oder ist Euer Mann verreist?“
Die Frau sagte, der Mann sei mit sieben Schiffen ins Ausland gereist, bisher jedoch noch nicht zurückgekehrt.
Sofort log der General: „Ach, mit sieben Schiffen! Man sagte, einer sei im Ausland umgekom-men. Sicher ist es Euer Mann.“
Die Frau erschrak sehr, als sie solche Rede hörte, und konnte nicht A und nicht O sagen.
Der General fing an zu trösten: „Ach, was grämt Ihr Euch so, kommt mit mir in mein Land, dort werdet Ihr es viel besser haben!“
Die Frau hörte auch auf seine Worte, packte die Sachen zusammen, verkaufte den Kaufladen und ging mit dem fremden Mann ins Ausland.
Bald aber kehrte der Kaufmann zurück, sah, was geschehen war, erboste sich sehr und folgte den anderen nach Hörensagen.
Schließlich kam er auch in das Land und in das Schloß. Hier wurde er mit einem Schloßdiener bekannt. Sie wurden zu Freunden, und der Kaufmann bat jenen, der Frau die goldenen Blätter zu stehlen und ihm zu bringen. Der Diener tat es und brachte die Blätter dem Kaufmann. Der ging jetzt ins Zimmer, um die Frau zu besuchen. Der Gene-ral aber stieß mit dem Schwert zu und erschlug den Kaufmann. Er befahl dem Diener, ihn wegzuräumen. Der Diener brachte ihn auf den Hof und legte ihn aufs Gras. Er nahm die goldenen Blätter und legte sie dem Kaufmann darauf, so wie der ihn vorher gelehrt hatte, und, o Wunder – der Kaufmann erwachte zum Leben, ebenso gesund wie vorher. Nun berieten sie sich mit dem Diener, was zu tun sei. Sie fanden aber keinen anderen Ausweg, als daß der Kaufmann die Frau dem Ge-neral überlassen und selbst Soldat werden sollte.
Er tat es denn und ging zu den Soldaten. Er wurde Musiker, da er dieses Handwerk von früher her ein wenig kannte. Durch Übung kam er gut voran und spielte sogar am besten von allen. Davon hörten auch der General und seine Frau. Den Kaufmann erkannten sie nicht wieder; sie glaubten, er sei tot, und bestellten ihn in ihr Schloß zum Musizieren. Der Kaufmann kam sehr gern. Der Mann hatte ein gutes Leben, er brauchte nur etwas Musik zu machen.
Einmal hatten die Generäle und Herren ein großes Fest; es kamen ihrer Hunderte und Tausende zusammen. Der Kaufmann ging als Musiker hin.
Während der Tafel sagte der Kaufmann: „Sagt, Generäle und Herren, was muß mit einer Frau geschehen, die ihrem Mann davonläuft?“
Alle sagten: „Was denn sonst, so eine Frau muß in Stücke zerhauen werden.“
„Und was muß mit dem Mann geschehen, der mit ihr lebt?“
Alle sagten: „Was denn sonst, es muß ihm der Kopf abgeschlagen werden.“
Jetzt erzählte der Kaufmann die ganze Geschichte und bat die anderen, das Urteil zu fällen. Es geschah, wie gesagt: Die Frau wurde in Stücke zerhauen und dem General der Kopf abgesägt.
Der Kaufmann ging in sein Land zurück, nahm sich eine andere Frau und lebte noch glücklich bis zum Tode.

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