Die goldenen Flügel

Zwei Goldschmiede stritten sich einst in einem Wirtshaus darüber, wer von ihnen der Klügere und der Geschicktere in seiner Arbeit sei. Jeder lobte sich, und sie kamen zu keiner Entscheidung. Schließlich gingen sie zum König und baten ihn, ein klares Urteil zu fällen.
„Das ist eine leichte Sache“, sagte der König, „jeder von euch wird jetzt eine solche Arbeit anfertigen, die er für die beste hält, und sie zu mir herbringen. Dann werde ich daran erkennen, wer der Klügere ist.“
Die Goldschmiede gingen.
Nach einigen Tagen sagte man dem König, daß die Goldschmiede draußen warteten und bäten, vorgelassen zu werden.
Der König befahl dem ersten hereinzukommen. Dieser trat ein. Er bat um eine Schüssel Wasser. Sie wurde gebracht. Der Goldschmied ließ einen goldenen Fisch in die Schüssel. Dieser Fisch lebte und schwamm munter in der Schüssel umher.
„Sieh einer an, das ist ja ein erstklassiges Meisterstück“, sagte der König. „Der zweite wird wohl etwas Ähnliches nicht mehr fertigbringen, du bist sicher der Klügere.“
Er befahl, den zweiten Goldschmied hereinzulassen. Dieser hatte Goldflügel gemacht. Er legte sie an und flog in der Stube umher.
„Ohoo! Du bist klüger, du bist klüger“, sagte der König zum zweiten und ließ beide gehen.
Der Königssohn kaufte dem Goldschmied die Goldflügel ab, und nun tat er nichts anderes, als jeden Tag mit den Flügeln umherzufliegen. Eines Tages flog er über die Stadt zur Hafenmole, wo viele fremde Schiffe vor Anker liegen. Dort kam er mit einem Matrosen von einem fremden Schiff ins Gespräch.
Der Matrose erzählte ihm, daß die einzige Tochter seines Königs gefangengehalten werde. Als sie geboren wurde, habe ihr eine Hexe prophezeit, daß sie gestohlen werde. Deshalb würde sie im zweiten Stock des Königsschlosses unter starker Bewachung gehalten, und keine Menschenseele könne zu ihr gelangen. Nur eine alte Dienerin bringe ihr das Essen hin.
Der Königssohn wußte sofort Rat. Er forschte nach, wo und an welchem Fenster sich die Kammer der Königstochter befindet. Sobald das Schiff abgesegelt war, flog er über das Meer. Er flog in die Stadt des fremden Königs.
Es war früh am Morgen, als er dort ankam. Alle Stadtbewohner, der König selbst und die Diener schliefen noch. Das Fenster zur Kammer der Königstochter stand offen. Der Königssohn flog hinein. Auch die Königstochter schlief noch. Der jun-ge Mann küßte die Königstochter, und das Mädchen lächelte im Schlaf. Schließlich schlug sie die Augen auf.
Der Königssohn erzählte ihr, daß er gekommen sei, um sie zu befreien. Und das Mädchen freute sich.
Doch bald kam die alte Dienerin die Treppe herauf. Was tun? Der junge Mann war in Not, das Mädchen nicht minder. Schließlich schob das Mäd-chen den jungen Mann in den Kleiderschrank. Die Dienerin kam herein, besorgte ihre Pflichten und ging wieder hinaus. Der Jüngling konnte herauskommen.
So lebte der junge Mann einige Zeit bei der Kö-nigstochter. Wenn die Dienerin hereinkam, war er im Kleiderschrank, in der übrigen Zeit aber liebkoste er die Königstochter. Doch die alte Dienerin bemerkte, daß die Königstochter seit einiger Zeit viel mehr Speisen verbrauchte als früher. Und auch der Bauch der Königstochter wurde runder, als er vorher war. Die Dienerin schöpfte Verdacht, daß noch jemand im Zimmer sein müsse. Sie schnupperte wohl herum, aber es war niemand zu sehen.
Einmal hatte die Königstochter vergessen, die Schlüssel des Kleiderschranks abzuziehen, und die Dienerin schaute in den Schrank. Der Jüngling stand im Schrank. Mit großem Geschrei und Gekreisch lief sie hinunter und erzählte dem König, daß sich ein Jüngling bei seiner Tochter aufhielt und ihre Angelegenheit schon weit gediehen war.
Der König wurde zornig und rief die Ratgeber zusammen. Es wurde lange beraten, und schließlich kam man zu der Entscheidung, die beiden auf dem Scheiterhaufen zu verbrennen. Die Verbrennung wurde auf den Abend desselben Tages festgesetzt. Dem Jüngling und dem Mädchen wurde das Urteil bekanntgegeben: aus dem Zimmer wurden sie jedoch nicht herausgelassen.
Das Mädchen fing an zu weinen und weinte und heulte zum Erbarmen. Doch der Jüngling freute sich, lachte und tröstete das Mädchen. Die Zeit der Verbrennung kam heran, und man wollte sie zum Scheiterhaufen bringen.
Der Jüngling legte die Goldflügel an und befahl der Königstochter, sich an ihm festzuhalten. Hui! Wie sie aus dem Fenster hinaus waren und über die Stadt flogen. Von unten wurden sie gesehen, und man schoß aus Flinten nach ihnen, traf sie jedoch nicht, denn sie waren schon über dem Meer.
Der Königssohn gelangte glücklich nach Hause und ließ eine prächtige Hochzeitsfeier ausrüsten. Er lebte lange mit seiner Frau in einer glücklichen Ehe.

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