Die geschenkte Flöte

Ein sehr armer Junge, dessen Vater und Mutter nach dem Willen des Taara von dieser Welt abberufen wurden, hütete die hungrigen Gutsschweine.
Die Schweine sind ja nun wohl die allerfaulsten und schläfrigsten Tiere auf einer Weide, wenn sie satt sind. Sind sie aber hungrig und haben sie nichts anderes zu fressen als das, was sie selbst finden, dann sind sie ganz wild. Hui, hui, laufen sie umher, das eine hierhin, das andere dorthin, und der arme Junge kann sehen, wie er fertig wird.
Auf diesem Gut bekamen die Schweine nichts zu fressen, sondern mußten sich ihren Teil an den Mauerrändern suchen oder nur vom Gras leben. Der arme Junge hatte mit ihnen seine Not. Obwohl er sich sehr abmühte, bereiteten ihm einige immer wieder Scherereien. Und es ist ja bekannt, wenn die Schweine Schaden anrichten, bekommt der Junge den Stock des Gutsvogts oder die Schläge des Obmanns zu spüren. Auch die Schritte des Gutsaufsehers und des Speicherwärters kannte er und zitterte schon, wenn einer von ihnen auftauchte. So sehr hatten sie alle den Jungen verwalkt.
Einmal verprügelte wieder der Gutsvogt oder der Aufseher den armen Jungen erbarmungslos wegen einer ganz geringen Schuld. Nach den Prügeln weinte der Junge bitterlich, und in der Zwischenzeit liefen die Schweine in verschiedene Richtungen davon, so daß der Junge nicht mehr wußte, wo sie waren. Jetzt glaubte sich der Junge vollends verloren.
In der größten Not erschien vor ihm ein großer grauer Alter mit einem langen Bart, einer Knollennase und einem halbkahlen Kopf. Er fragte den Jungen: „Warum weinst du?“
Der Junge erzählte dem sonderbaren Alten seine ganze Not und sagte: „Jetzt sind wieder einige Schweine wer weiß wo. Wie soll ich Unglücklicher sie je wieder zusammenbringen!“
Der Alte nahm eine kleine silberne Flöte aus der Tasche, gab sie dem Jungen und sagte:
„Verlier sie nur nicht! Solange du die Flöte hast, brauchst du nirgends den Schweinen nachzulaufen, und keiner kann dir etwas tun. Schau, Junge, wenn du von dem einen Ende hineinbläst, kommen alle Schweine zusammen, ganz gleich, wo sie sich befinden; wenn du aber vom anderen Ende hineinbläst, fangen alle die an zu tanzen, die du während des Spiels ansiehst.“
Noch ehe der Junge sich bedanken konnte, verschwand der Alte.
Der Junge blies in die Flöte, und alle Schweine kamen zu ihm und fraßen ganz ruhig. Der Junge setzte sich auf einen Stein und ruhte sich aus.
Um diese Zeit ging der Speicherwärter vorbei und sah, daß der Junge auf der Erde saß und auf die Schweine nicht aufpaßte. Er kam an den Jungen heran, beschimpfte ihn und wollte ihn auch verprügeln.
Der Junge blies von der anderen Seite in die Flöte, und der alte grauköpfige, dickbäuchige Speicherwärter fing gegen seinen Willen unter Stöhnen zu tanzen und zu drohen an. Der Junge blies die Flöte so lange, bis der Greis vor Müdigkeit schwitzte und den Jungen anzuflehen begann. Während des Spiels schaute der Junge einmal die Schweine an, und auch die Schweine begannen mit dem Speicherwärter zusammen zu tanzen.
Als der Speicherwärter seinen Tanz beendet hatte, ging er wütend zum Obmann und beklagte sich darüber, daß ihm der Schweinehirt übel mitgespielt habe.
Der Obmann ging, um mit dem Jungen zu schimpfen, und drohte, ihm die Haut zu verwalken, wenn er es wagte, noch einmal solche Späße zu machen. Der Obmann ging dann zu einem Heckenrosenbusch und begann dort mit dem Mes-ser dornige Zweige abzuschneiden, um damit den Jungen zu verprügeln.
Der Junge dachte: Jetzt ist die richtige Zeit gekommen. Er blies von der anderen Seite in die Flöte, und der Obmann begann in der Dornenhek-ke zu tanzen, so daß ihm bald Gesicht und Hände blutig zerkratzt waren. Der Junge hörte nicht eher auf zu spielen, bis der andere todmüde war und mit kläglicher Stimme bettelte und flehte. Mit Mühe schleppte er sich zum Gut. So müde war er wahrscheinlich noch nie in seinem ganzen Leben.
Am nächsten Tag klagte er vor dem Gericht. Er verlangte, daß die Richter den Jungen, ohne ihn hinzubestellen, verurteilten. Die Richter waren aber sehr neugierig und wollten selbst diesen Spaß erleben. Sie dachten, daß sie dabei wohl doch nicht selbst nach der Flöte des Jungen zu tanzen brauchten, und es sollte der Obmann nur herumspringen, wenn er es wolle.
Am nächsten Tag kam der Junge vors Gericht. Die Gerichtsherren fragten: „Hat deine Flöte auch hier die Kraft, die sie gestern beim Schweinehüten hatte?“
Der Junge sagte: „Das weiß ich auch nicht. Wenn die Herren es wünschen und erlauben, dann kann ich es ja versuchen.“
Obwohl der Obmann dagegen war, daß es die Gerichtsherren erlaubten, befahlen sie dem Jungen doch, in die Flöte zu blasen. Der Junge blies. Plötzlich fingen alle an zu tanzen. Einige sprangen von den Stühlen auf und umfaßten die Stuhllehne, manche hielten sich am Tischrand fest, andere blieben sitzen, sich mit beiden Händen am Stuhl festhaltend, und tanzten auch so halbgekrümmt weiter. Wer irgend etwas zu fassen bekam, tanzte damit umher. Da waren der Tanz und der Lärm groß, alle Bücher, Papiere und Tintenfässer wurden vom Tisch geworfen, und immer im Tanz, herauf und herunter. Der Junge blies laut und ununterbrochen; deshalb konnten die Tanzenden nichts sagen.
Nur der Obmann sagte dazwischen: „I-ch war-ar da-da-da-gegen-gegen!“
Schließlich war der Junge vom Blasen müde, die Flötentöne wurden langsamer. Auch die Tanzsprünge ließen nach, und man hatte die Möglichkeit, etwas zu sagen. Dem Jungen wurde versprochen: „Wenn du mit dem Flötenblasen aufhörst, versprechen wir dir die Freiheit. Aber du mußt von hier weggehen, damit unsere Augen dich nicht mehr sehen.“
Der Junge hörte auf zu blasen und eilte freudig davon. Wenn er heute irgendwo Starrköpfige findet, straft er sie mit Tanz.

Hinterlasse eine Antwort

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *


4 + = fünf

Du kannst folgende HTML-Tags benutzen: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <strike> <strong>