Der Mann, der die Vogelsprache kannte

Ein Waldhüter ging mit seinen zwei Hunden, die Must und Krants hießen, in den Wald. Er ging eine Weile im Walde umher und legte sich dann unter eine Fichte, um auszuruhen. Oben in der Fichte hörte er irgendein Geräusch und ein Zischen.
Er schaute hinauf – oben lag eine Schlange, die zu bitten anfing: „Lieber Mann, hole mich hier herunter.“
Der Mann sagte: „Ich kann dich nicht herunter-holen, du wirst mich töten.“
Die Schlange erwiderte:
„Ich bin aber gar keine Schlange, denn eine böse Hexe hat mich vor langem in eine Schlange verwandelt, ich bin ein Mensch. Wenn mich ein anderer Mensch hier herunterholt, werde ich wieder zum Menschen. Hilf mir, ich werde dich alle Tiersprachen lehren. Du darfst aber niemandem verraten, woher du diese Weisheit hast, und dir auch nichts anmerken lassen. Wenn du es jemandem sagst, stirbst du.“
Der Mann kletterte auf die Fichte und holte die Schlange herunter, die sich sofort in einen Menschen verwandelte und augenblicklich verschwand.
Der Waldhüter legte sich wieder unter die Fichte und hörte, wie Must zum Krants sagte: „Bleib du hier, um den Herrn zu bewachen, ich gehe nach Hause, denn es kommen Diebe, die uns bestehlen wollen.“
Der Mann verstand, was die Hunde unter sich sprachen.
Ein alter Baum machte kro-kro-kro-kräks. Der Mann verstand, daß der alte Baum die Fichte bat: „Komm zu meiner Beerdigung, es ist Zeit für mich, diese Welt zu verlassen, unter meinen Wurzeln befindet sich ein Topf mit Gold und Silber und unter dem Wipfel noch einer.“
Die Fichte erwiderte „Krooks“.
Der Mann verstand: „Ich kann nicht kommen, ich habe einen Gast.“
Dann war nur noch zu hören kro-kro-kro-kräks!, und der Baum fiel um. Nun begann der Mann unter der Wurzel zu graben, und es kam wirklich ein Topf voll Gold- und Silbergeld zum Vorschein; dann ging er zu der Stelle, wo der Wipfel lag, und fand auch dort einen Topf voll Geld.
Nun brachte er, soviel er nur konnte, von diesem Geld nach Hause und wurde ein reicher Mann.
Darauf nahm sich der Waldhüter eine schöne junge Frau (er war noch Junggeselle) und lebte glücklich und zufrieden. Er hatte seiner Frau wohl erzählt, woher er das Geld hatte, nicht aber, wie er zu dem Schatz gekommen war.
Eines Tages schaute der Mann zum Fenster hinaus. Im Hanf saßen Spatzen, der alte Spatz im Wipfel, die Jungen an der Wurzel. Der alte Spatz machte „Siu, siu, siu, siu“.
Der Mann verstand, daß der Spatz zu den Jungen sagte»: „Ihr Dummen, kommt doch in den Wipfel, hier gibt es Körner!“
Der Mann lachte, die Frau fragte: „Weshalb lachst du?“
Der Mann erwiderte: „Es ist nichts.“
Der Mann hatte aber schon mehrmals gelächelt, wenn es ihm gelungen war zu hören, was die Vögel oder die anderen Tiere sprachen.
Die Frau drängte immer wieder: „Sag doch, weshalb du lächelst!“
Der Mann erwiderte wohl: „Ich darf es nicht sagen, ich kann dir nichts erklären; wenn ich es sage, werde ich sterben.“
Doch die Frau gab keine Ruhe und quälte den Mann mit ihrem „Sag doch, sag doch“ wie ein Alpdruck.
Der Mann fragte: „Dann willst du also, daß ich sterbe?“
Die Frau glaubte es ihm nicht.
Nun bereitete sich der Mann ein Sterbebett, bedeckte es mit einem Laken und legte sich darauf mit der Absicht, der Frau alles zu erzählen und dann zu sterben. In diesem Augenblick kam ein Hahn ins Zimmer, rief „Kuk-kuk-kuk-kuk-kuu, kuk-kuk“ und schlug mit den Flügeln.
Der Mann verstand, was der Hahn zu ihm sagte: „Oh, du dummer Mann, ich werde mit meinen dreißig Hennen fertig, du aber kommst mit einer Frau nicht zurecht. Verprügle sie!“
Der Mann sprang auf, griff nach dem Feuerhaken, schlug damit einige Male der Frau über den Rücken und sagte: „Geh die Kuh melken, wegen dir Dummen wollte ich sterben!“
Seitdem war die Frau folgsam wie ein Lamm und blieb ruhig. Und so leben sie vielleicht heute noch, wenn sie nicht gestorben sind.

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