Der Kraftmensch

In einem Dorf Estlands lebte ein Hirte, der sehr stark war. Er konnte eine Färse am Schwanz pakken und rückwärts über den Fluß ziehen. Das schaffte sonst kein anderer. Deshalb ging er in die Welt, um sich einen Gegner zu suchen.
Nachdem er eine Weile gewandert war, kam er in ein Walddorf, wo eine Alte gerade Suppe kochte. Der Kessel war so groß wie ein Doppelkübel, und drin kochte ein ganzer Mastochse.
„Was suchst du hier, mein Junge?“ fragte die Alte.
„Ich bin in meiner Gegend der stärkste Mann und suche mir in der Welt einen Gegner, der mit mir die Kraft messen möchte.“
„Nun, dann warte, bis meine Söhne nach Hause kommen. Vielleicht werden sie mit dir die Kraft messen. Meine beiden Söhne sind auch recht kräftige Burschen.“
Sie gab dem Jungen zu essen und sagte, er solle sich hinsetzen und auf sie warten.
Schließlich hörte man Schritte, die waren so fest, daß der Boden schwankte.
„Da kommen schon meine Söhne“, sagte die Alte.
Doch der Hirtenjunge bekam solche Angst, daß er unter den Tisch kroch.
„Es ist ein Mann hergekommen, der für sich einen Gegner sucht“, sagte die Alte. „Wo ist er nur geblieben?“
„Laß ihn, gib uns erst was zu essen“, sagten die Söhne, „nachher werden wir unsere Kraft messen.“
Wie erschrak nun der Hirte unter dem Tisch, als er sah, daß die beiden eine Menge Brot, den Mastochsen und noch den Doppelkübel Suppe verschlangen. Nachdem sie gegessen hatten, legten sie sich jeder auf eine Bank schlafen. Sie schnarchten so, daß es von den Wänden hallte.
Um Mitternacht wollte der Hirte durch die Tür hinausflitzen. Doch plötzlich gab es einen furchtbaren Knall, der ihn an die andere Wand wirbelte. Den einen Schläfer drückte nämlich das kräftige Essen im Magen, und es sammelte sich da viel Wind an, der nun mit großem Lärm nach hinten hinausplatzte. Das war denn auch der schreckli-che Knall. Der Hirte hatte sich vom Boden aufgerappelt und flitzte wieder zur Tür, als ein zweiter Knall die Luft zerriß und er wieder an die andere Wand gewirbelt wurde. Dieser Knall kam von den Winden des zweiten Schläfers. Jetzt sprang der Junge vom Boden auf, lief spornstreichs zur Tür, riß sie auf und jagte davon.
Als die Männer am nächsten Morgen aufwachten, begannen sie den starken Mann zu suchen, fanden ihn aber nirgends. Da glaubten sie, er sei in der Nacht weggelaufen, und fingen an seine Spur zu verfolgen.
Der Hirte war in seiner Furcht so lange gelaufen, bis der Morgen kam, da blieb er vor einem großen dichten Walde stehen. Er sah, wie ein Mann pflügte. Zwei Ochsen waren vor den Pflug gespannt, und die Hörner der Ochsen reichten bis zu den Wolken. Mit der rechten Hand hielt der Mann den Pflug; mit der linken aber riß er große Fichten aus dem Boden, als seien sie Grashalme. Dieser Mann war Kalevipoeg.
Als Kalevipoeg den Hirten sah, fragte er freundlich, was dem Manne fehle, daß er so schrecklich zittere. Der Hirte erzählte ihm seine ganze Ge-schichte und sagte zum Schluß: „Jetzt jagen sie hinter mir her, und wenn sie mich kriegen, werden sie mich töten.“
„Ich werde dein Leben retten“, sagte Kalevipoeg und steckte den Mann in seine Hosentasche.
„Bleib da auf meiner Strömlingsschachtel sitzen!“
Diese Strömlingsschachtel aber war eine richtige große Tonne.
Nach einiger Zeit kamen auch die beiden Waldburschen und verlangten von Kalevipoeg, daß er den Jungen herausgebe. Und als Kalevipoeg ihnen befahl, still zu sein, begannen sie mit ihm zu streiten. Jetzt nahm Kalevipoeg eine Fichte vom Boden und walkte sie so durch, daß die Männer heulend und schreiend davonliefen.
Kalevipoeg begann wieder zu pflügen. Den Hirten hatte er ganz vergessen. Dem wurde es schließlich in der Hosentasche langweilig, und er fing sich zu bewegen an.
Kalevipoeg brummte: „Wie sind bloß diese Teufelsflöhe wieder in meine Tasche geraten? Am Morgen erst habe ich nachgesehen, es war nichts da. Und nun krabbelt wieder einer.“
Er steckte die Hand in die Tasche und – fand den Jungen.
„Ach, du bist es, Jungchen“, sagte er lächelnd, „jetzt kannst du ruhig nach Hause gehn, die Waldpopanze werden dich nicht mehr belästigen.“
Der Junge bedankte sich und lief davon. Kalevipoeg pflügte weiter.

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