Der Gegnersucher

Nun ist mir ein kleiner Schwank aus der Zeit der Riesen eingefallen.
Das Haus des Keilama Aadu stand am Heuschlag von Silmikese, und hier lebte auch der Keilama Aadu selbst, der drei Söhne hatte.
Der älteste Sohn Joosep nahm sich eine Frau, trennte sich vom Vater und baute sich ein Haus auf dem Pedakaberg; ebenfalls in der Gegend von Alatskivi.
Dann jedoch starb Aadu, und seine Witwe lebte nun mit den zwei jüngeren Söhne allein am Heuschlag von Silmikese – denn Joosep wohnte ja getrennt und in einem anderen Haus.
Es lebte aber in der Gegend ein Bursche – er hatte keinen Namen –, der seinem Vater nicht gehorchen und auch keine Arbeit verrichten wollte. Er verließ das Haus seines Vaters, zog in die Welt und trieb sich herum auf der Suche nach einem Gegner, einem Mann, der ebenso stark war wie er. Er war etwas stärker als die anderen und suchte nun seinesgleichen.
Auf seiner langen Reise gelangte er eines Abends zum Haus von Keilama Aadu. Er ging ins Haus und bat die Hausfrau um ein Nachtquartier, und die Hausfrau gewährte es ihm: „Ihr mögt von Herzen gern bleiben“, und setzte den Suppentopf für das Abendessen aufs Feuer.
Nun saß der Bursche und schaute zu: Die Hausfrau holte einen Saatkorb voll Erbsen und einen halben Saatkorb voll Graupen, schüttete sie in den Kochtopf, holte dann drei enthäutete Kälber, zerhackte sie in Stücke und tat das Fleisch aller drei Kälber ebenfalls in den Kessel zum Kochen. Der starke Mann dachte dabei, hier werde sicher eine große Familie zum Essen zusammenkommen, da man so viel des Zeugs aufsetzte.
Als die Suppe fertig war, brachte die Frau sie auf den Tisch sowie eine Menge Fleisch dazu und sprach zum Gast: „Komm essen, du bist hungrig und kannst nicht so lange warten, bis meine Söhne nach Hause kommen.“
Da setzte sich dieser Jüngling zu Tisch und verspeiste einen Kalbsschenkel und eine halbe Schüssel voll Suppe. Ich weiß nun nicht, wie groß diese Schüssel war, doch er selbst hielt sich für einen tüchtigen Esser.
Dann trug die Frau Stroh herein und sagte: „Leg dich schlafen!“
Und er legte sich zur Ruhe auf das Stroh.
Da kamen die Söhne von Aadus Frau nach Hause und fragten die Mutter: „Wer schläft hier?“
Die Mutter sagte: „Ein fremder junger Mann kam und bat um Nachtquartier, ich habe ihn aufgenommen.“
Darauf sagten sie: „Na, steh auf Bursche, iß mit uns zu Abend!“
Er kam und setzte sich mit ihnen an den Tisch – denn, wenn man gerufen wird, muß man halt gehen. Nun aß er auch mit, aber wie eine Fliege neben den anderen. Ihre eigenen Söhne verspeisten jeder ein Kalb und dazu ein paar Schüsseln voll Suppe.
Da schaute denn der fremde junge Mann: Da bin ich ja mit starken Männern zusammengekommen, aber ich weiß nicht, wie ich hier wieder wegkomme; denn wenn sie so essen, müssen sie auch Kraft haben.
Dann legten sie sich schlafen. Der eine legte sich auf die eine und der andere auf die andere Seite, der Fremde legte sich in die Mitte. Sie lagen im Stroh. Und wenn der eine Sohn durch den Mund atmete, warf er mit seinem Atemhauch den Fremden hinüber und dem anderen vor die Brust, der andere atmete entgegen und schleuderte ihn zurück, dem ersten vor die Brust – so wälzten sie den Burschen die halbe Nacht. Zuletzt schliefen alle doch ein.
Als sie am Morgen aufwachten, ging der Fremde aus der Stube und lief sogleich weg.
Der eine Sohn trat vor die Tür und rief: „Lauf nicht! Komm zurück, iß dich erst satt und gehe dann, wir tun dir nichts Böses.“
Der Fremde lief dennoch weg. Er lief dann den Pedakaberg hinauf; dort aber pflügte der Sohn von Aadus Frau, Joosep, der getrennt lebte, mit zwei Ochsen vor dem Pflug.
Er lief zu ihm hin: „Lieber Mann, verbirg mich, die Männer da sind hinter mir her!“
Dieser sprach: „Oh, fürchte dich nicht, sie tun dir nichts, es sind meine Brüder.“
Schließlich steckte Joosep diesen Fremden doch in seine Hosentasche. Er hatte aber in seiner Hosentasche eine Pfeife, und das Pfeifenende rieb dem Flüchtling die Haare vom Scheitel weg. Ich weiß nicht, wie groß diese Pfeife gerade war, je-denfalls war sie groß, und doch konnte der Mann noch jemanden in die Hosentasche stecken.
Schließlich ließ Joosep den Flüchtling aus der Hosentasche heraus und setzte ihn auf den Boden. Nun ging der Bursche zurück in sein Vaterhaus und bat um Verzeihung, daß er sich so herumgetrieben hatte. Bald darauf fing er im Hause des Vaters zu arbeiten an und lebte dort bis zu seinem Tode, trieb sich nicht mehr herum und suchte auch keinen starken Mann.
Das habe ich von einem Greis gehört; es ist eine alte Geschichte aus der Schwedenzeit.

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